It’s the Internet, stupid! Deutsche Wirtschaft im Paradigmenwechsel

von Andreas Boes

Persönliches Mission Statement: Gestaltung der Zukunft der Weltgesellschaft im Sinne der Emanzipation der Menschen. Zentrale Herausforderung für die Gestaltung der Zukunft: Produktivkraftsprung Informationsraum für die Emanzipation der Menschen nutzen. 

Basisannahmen und Theorie 

Historischer Umbruch der Weltgesellschaft 
Wir leben in einer Phase des gesellschaftlichen Umbruchs, vergleichbar mit dem Übergang von Agrar- zur Industriegesellschaft.  
Grundlage des Umbruchs ist ein Produktivkraftsprung. Zentrierte der vorherige historische Umbruch um die Herausbildung der Maschinensysteme der „großen Industrie“, so liegt dem aktuellen Umbruch die Entstehung des Informationsraums zugrunde.  
Hinter dieser Umbruchthese steht eine „Theorie der Informatisierung“ – Kern: Informationsraum als neuartiger sozialer Handlungsraum, Möglichkeitsraum zur Entfaltung der menschlichen Existenz. (1 )
Umbruch auf allen Achsen der Weltgesellschaft: Raum-/Zeitstruktur der Weltgesellschaft, Arbeit und Ökonomie, Öffentlichkeit, Politik und Demokratie, Mobilität, Lebensweise, Geschlechterverhältnis, usw. Denke an die Dimension des Umbruchs zur Industriegesellschaft! 

Strategische Herausforderung der aktuellen Entwicklungsphase 
Entfaltung und Nutzung des emanzipativen Potentials des Informationsraums.  
Voraussetzung: Weltgesellschaftliche Aneignung der Produktivkräfte im Sinne einer gemeinsamen Planung und Kontrolle der menschlichen Existenz.  
Visionen der Emanzipation notwendig: Ökologische Produktionsweise, Partizipation und Demokratie, General Intellect, Mobilität in neuer Raum-/Zeitstruktur, egalitäres Geschlechterverhältnis, sozial integrierte Gesellschaft, etc. 

Taktische Herausforderung der Strategiebildung 
Zentrale soziale Herausforderung ist die Bewältigung eines Paradigmenwechsels als innerem Kern der gesellschaftlichen Umwälzung. 
Paradigmen sind wie „Schienen“ in der Entwicklung einer Gesellschaft. Sie bauen auf theoretisch begründeten Überzeugungen und großen Erzählungen auf, formieren das Zusammenspiel der identitätsstiftenden Institutionen und deren Gefüge, sedimentieren im System gesellschaftlicher Arbeitsteilung und werden in der Praxis einer Gesellschaft beständig reproduziert. 
Grundproblem von Paradigmenwechseln ist ihre disruptive Gewalt gegenüber den alten Strukturen und deren Eliten. Eliten sind immer im dominanten Paradigma an ihre Position gelangt. In Phasen eines Umbruchs verteidigen sie ihre Position und damit auch das alte Paradigma, bis der Erhalt der Position nur noch mit dem neuen Paradigma möglich ist.  
Folglich entstehen in Übergangsphasen viele Fake-Begriffe. Sie blinken in Richtung des Neuen und erhalten das Alte. Siehe beispielsweise dazu die „diskursive Kakophonie“ um den Begriff der „Digitalisierung“. (2) 

Herausforderung Umbau des Systems gesellschaftlicher Arbeit 

Paradigmenwechsel im System gesellschaftlicher Arbeit 
Ich entschlüssele Gesellschaften unabhängig von ihrer konkreten historischen Gestalt ausgehend vom System der gesellschaftlichen Arbeit. Hier liegt der Fokus meiner Arbeit. 
Die bestimmende Herausforderung für das deutsche System gesellschaftlicher Arbeit besteht in der Bewältigung des Paradigmenwechsels von der „großen Industrie“ zur Informationsökonomie.(3)

Paradigmenwechsel Informationsökonomie 
Die Produktivkräfte haben jetzt einen Reifegrad erreicht, der einen grundlegenden Wandel der Ökonomie in Richtung einer Informationsökonomie wahrscheinlich macht.  
Im Dreiklang von neuen mit dem Internet verkoppelten Geschäftsmodellen, neuen Wertschöpfungskonzepten auf der Basis von Eco-Systemen, die über Plattformen koordiniert werden, und einer Organisation der Arbeit auf Basis von Plattformen in Kombination mit durchgängigen Informationssystemen und agilen Konzepten entwickelt sich ein neues Muster der Ökonomie. Dieses nennen wir Informationsökonomie. 
Unternehmen wie Amazon, Google, Spotify, Netflix oder Tesla haben unsere Vorstellungen von Wertschöpfung revolutioniert. Sie etablieren neue Geschäftsmodelle, die auf Informationen beruhen und über Plattformen im Informationsraum orchestriert werden. 
Diese Wertschöpfungskonzepte setzen auf Innovationen in Permanenz und bauen auf beständige Lernschleifen der Organisation auf. Die Qualität dieser Lernschleifen und die Verfügung über die diesen zugrunde liegenden Daten sowie insbesondere die Fähigkeit, aus diesen Daten nützliche Informationen und Innovationen zu machen, sind die zentralen Erfolgsfaktoren dieses Modells. 
Gegenwärtig schicken sich die Internet-Unternehmen aus den USA und zunehmend auch aus China an, dieses neue Konzept der Ökonomie auf die übrige Wirtschaft zu übertragen. Aufbauend auf dem Konzept der Cloud und im Zusammenspiel mit den strategischen Hebeln Internet of Things (IoT) und Künstliche Intelligenz erfolgt aktuell der Brückenschlag in die industriellen Kerne und die Zentren der Dienstleistungswirtschaft. 

Status des Paradigmenwechsels in Deutschland 
Mittlerweile ist also das neue Muster der Ökonomie so weit ausgereift, dass es im Grundsatz adaptierbar ist. In den Achsen Geschäftsmodell, Wertschöpfung, Innovation und Organisation von Arbeit herrscht ausreichende Klarheit über das Wie, dass es sich aktuell vergleichsweise schnell ausbreiten kann. Ob sich dieser Paradigmenwechsel allerdings in der deutschen Wirtschaft wirklich vollzieht, ist offen. 
In der Logik des alten Paradigmas haben wir in Deutschland das Internet regelrecht verdrängt und gemeint, mit „Industrie 4.0“ ein geeignetes Gegenkonzept gefunden zu haben. Das fällt uns jetzt auf die Füße. Seit diesem Jahr dämmert es den Strategen in Wirtschaft und Politik. Die Informationsökonomie wird nun in deren Köpfen zu einer ernsthaften Bedrohung. Dies führt aktuell zu hektischen Reaktionen. KI-Initiative, Gaia-X, Datensouveränitätsdiskurs, etc. 
Die Partnerschaft von VW mit Amazon Web Services und Siemens zum Aufbau einer Industrie-Cloud markiert vermutlich den Dammbruch hinsichtlich des Übergangs der deutschen Industrie in die Informationsökonomie. 

Wie geht es weiter? Frontverlauf der Linienauseinandersetzung um den Paradigmenwechsel 
Dominant im deutschen Versuch der Bewältigung des Paradigmenwechsels ist weiterhin das alte Paradigma. Es wird weiterhin versucht, das Neue im Muster des Alten zu verstehen und so zu gestalten, dass wir die Disruption verhindern. Bezeichnend der Eiertanz um die Benennung der Agentur für Sprunginnovationen. 
Aktuell sehe ich drei Strategiealternativen mit einer gewissen Plausibilität:  
• Ad a) Contractfertiger. Konzentration und Spezialisierung auf die materiell-stoffliche Seite der Wertschöpfung. Siehe Foxconn. 
• Ad b) Internet unbrauchbar machen. „Brückenschlag“ der Internet-Konzerne in die Wertschöpfungsstrukturen der deutschen Wirtschaft materiell und ideologisch verhindern. 
• Ad c) Informations-industrielle Produktionsweise. Gelingende Symbiose der Welt der Dinge und der Welt der Informationen. High-Tech-Ökonomie. 
Die Variante a) ist die wahrscheinlichste für Mehrzahl der deutschen Unternehmen. Die Variante b) ist aktuell im deutschen Diskurs hegemonial. Überwachungskapitalismus, digitaler Kapitalismus, Google-Bashing, Huawei-Bashing, DSGVO, Uploadfilter, Datenethikkommission. Die Variante c) gewinnt neuerdings überraschend an Boden. Digitalrat, Datenstrategie, Vorreiterunternehmen wie Bosch, Siemens oder SAP. 

Vorschläge für eine informations-industrielle Produktionsweise 

Unsere Projekte im ISF München dienen vor allem dazu, Vorschläge für die Gestaltung einer zukunftsfähigen informations-industriellen Produktionsweise zu machen. Zur Illustration hier ein paar Beispiele.  
Grundsätzlich ist die Stellung des Menschen zu begründen. Sonst geht nichts! Die Wertschöpfung der Informationsökonomie baut darauf auf, dass es eben nicht darauf ankommt, den Menschen zu ersetzen, sondern anstelle der Maschinensysteme zum Zentrum der Wertschöpfung zu machen. Der Grund ist: Maschinen verarbeiten immer nur Daten. Worauf es in der Ökonomie der Zukunft aber ankommt, ist deren Verwandlung in nützliche Informationen und Innovationen. Und die ist nur mit Hilfe menschlicher Intelligenz möglich. Hier liegt ein großer Vorteil für das europäische Entwicklungsmodell. 
Weiterhin ist ein Ziel zu beschreiben, auf das sich die Bildungsanstrengungen richten sollten: Die Kernkompetenzen der Menschen zentrieren in Zukunft um die Fähigkeit, aus Daten nützliche Informationen und Innovationen zu machen. Dazu sind die Daten kritisch aufzubereiten und ins Verhältnis zu den Tatbeständen der Welt zu setzen, die sie bezeichnen sollen. Erst in diesem Wechselspiel erhalten wir die nützlichen Informationen, die es möglich machen, Produkte und Leistungen zu innovieren und nützlicher zu gestalten. Diese Fähigkeit der Verwandlung von Daten in Informationen und Innovationen ist wiederum in einer komplex vernetzten Wertschöpfung nur denkbar, wenn Menschen mit ihren Kompetenzen anschlussfähig sind an die Fachlichkeit anderer Arbeitskräfte, die im gemeinsamen Wertschöpfungsprozess tätig sind. Folglich müssen sie über eine „kommunikative Fachlichkeit“ verfügen, die Fähigkeit also ihre Fachlichkeit mit der Fachlichkeit anderer Fachkräfte interaktiv und interdisziplinär zu erweitern. In diesem Kontext wäre eine KI-Strategie einzubetten, die um das Konzept des Extended Intelligence gebaut sein könnte. (4)
Ein großer Gewinn wäre es, wenn es gelingen könnte, den Informationsraum für den Umbau des Mobilitätssystems der Gesellschaft zu nutzen. Dabei geht es beispielsweise um gesellschaftlich integrierte Mobilitätskonzepte, die Nutzung der neuen Raum-/Zeitstrukturen für die Steigerung der Zeitsouveränität der Menschen und den ökologischen Umbau der Verkehrssysteme.  
Ein wichtiges gesellschaftliches Projekt bestünde in der Nutzung des Umbaus der Ökonomie für eine geschlechtergerechte Arbeitswelt. Die Eingriffsmöglichkeiten bestehen jetzt. In ein paar Jahren kann der Zug wieder angefahren sein. (5)
Ich bin überzeugt, dass für die Kernbereiche der Informationsökonomie das agile Konzept zum Leitkonzept wird. Die vorherrschenden Spielarten dieses Konzepts versuchen aber, alte Strukturen zu erhalten. Das Gestaltungsziel muss daher sein, Agilität mit echtem Empowerment der Menschen zu verbinden. Das korrespondiert dann mit vielfältigen Möglichkeiten der Erweiterung der Partizipationsmöglichkeiten und der Ausgestaltung der Mitbestimmung in den Unternehmen. 

Centerum censeo 

Ich bin davon überzeugt, dass eine auf Emanzipation der Menschen gerichtete Gestaltung immer versuchen muss, mit der Welle der Produktivkraftentwicklung zu gehen und nicht gegen sie. Das Ziel muss sein, die Produktivkraftentwicklung für die Wohlfahrt der Gesellschaften zu nutzen, statt sie zu vernichten. Damit steht also die Frage auf der Tagesordnung: Wie können wir das Produktivkraftpotential des Informationsraums im Sinne der Emanzipation der Menschen nutzen?  

(1) Die Theorie der Informatisierung habe ich in der ersten Phase in der ersten Hälfte der 1990er Jahre mit Andrea Baukrowitz entwickelt. Siehe dazu: Baukrowitz, Boes 1996. Eine Weiterentwicklung findet dann im Team 6 im ISF München statt. Siehe dazu: http://IdGuZdA.de. Die elaborierteste Fassung der Theorie findet sich immer noch in Boes 2005. Wichtig daran ist, dass wir in einer theoretisch und historisch begründeten Perspektive eine Grundlage für die Veränderungsprozesse schaffen, die im deutschen Diskurs unter dem unspezifischen Label „Digitalisierung“ diskutiert werden. Der Kern der Theorie ist das Argument des Informationsraums als einer neuartigen sozialen Handlungsebene, welcher einen Produktivkraftsprung in der Weltgesellschaft darstellt. Weil wir in einer produktivkrafttheoretischen Sicht argumentieren, öffnet diese Theorie den Blick für das Emanzipationspotential dieser Entwicklung, ohne die Augen vor den Gefahren zu verschließen.

(2) Mit der verwirrenden Wirkung des Begriffs der „Digitalisierung“ im deutschen Diskurs habe ich mich in dem Blog „It’s the internet, stupid!“ auseinandergesetzt. http://idguzda.de/blog/berufsbildung-in-der-digitalen-transformation/

(3) Diese These wird am prägnantesten im Artikel Boes, Langes, Vogl in: Die Cloud und der Umbruch in Wirtschaft und Arbeit entfaltet. Eine Kurzfassung findet sich im Blog „Digitale Transformation in Deutschland: Wir brauchen einen Perspektivwechsel!“. http://idguzda.de/blog/digitale-transformation-in-deutschland-wir-brauchen-einen-perspektivwechsel/

(4) Diese Überlegungen sind im Blog „KI – Stategischer Baustein der Arbeit in der Informationsökonomie“ zusammengefasst. http://idguzda.de/blog/ki-strategischer-baustein-der-arbeit-in-der-informationsokonomie/

(5) Diese Fragen diskutieren wir in den Projekten im Forschungsschwerpunkt „Frauen in der digitalen Arbeitswelt“. Aktuell: http://womendigit.de


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